Blockchain-Startups sind gefragt. Doch in Deutschland ist die Zahl der Gründungen in diesem Bereich noch gering, entscheidende Entwicklungen werden vor allem von etablierten Unternehmen angetrieben. Im Interview mit Gründerszene erklärt Philipp Sandner, warum das so ist, was hinter dem Hype um die Kryptowährungen steckt und wo die Chancen für die Technologie liegen. Der Wirtschaftsprofessor leitet das Anfang des Jahres an der privaten Frankfurt School of Finance gegründete Blockchain-Center.

Herr Sandner, die Blockchain ist in aller Munde. Kryptowährungen boomen. Was steckt dahinter?

Zweifelsfrei ist die hohe Marktkapitalisierung von zuletzt 36 Milliarden US-Dollar für Bitcoin Ausdruck eines Hypes. Alle Kryptowährungen haben eine Marktkapitalisierung von etwa 75 Milliarden US-Dollar. Ethereum ist ein gutes Beispiel: Die Entwickler geben selbst zu, dass sich die Plattform noch in einem frühen Technologie-Stadium befindet. Trotzdem wird Ethereum bereits mit einer Marktkapitalisierung in der Höhe des einen oder anderen Dax-Konzerns bewertet. Das passt nicht zusammen.

Was müssen Anleger beachten?

In diesem Punkt teile ich den Standpunkt der Deutschen Bundesbank. Diese hat die Kryptowährungen mitnichten verboten. Doch sie warnt eindringlich davor und weist auf die hohen Kursschwankungen und das damit verbundene Risiko hin. Wer auf Bitcoin und Co. setzt, sollte sich gut auskennen.

Die Blockchain wird in der Gründerszene als „the next big thing” gefeiert. Wie ist die deutsche Startup-Landschaft in diesem Bereich aufgestellt?

In Deutschland gibt es zwar viele Ansätze von Startups, mit der Zukunftstechnologie Fuß zu fassen. Zahlreiche Entwicklungen werden hierzulande allerdings auch von den etablierten Firmen vorangetrieben. In Deutschland gibt schätzungsweise nur einige Dutzend Blockchain-Startups, die wirklich ein belastbares Geschäftsmodell aufweisen können. Es dominieren Startups für Technologieinfrastruktur und Anwendungen für die Finanzwirtschaft. Ein Beispiel ist Bitbond aus Berlin, das Darlehen ins Ausland vermittelt und als Blockchain-Startup auch eine BaFin-Zulassung erhalten hat.

Philipp Sandner, Leiter des Blockchain Centers an der Frankfurt School of Finance

Woran liegt es, dass deutsche Gründer bei der Entwicklung neuer Blockchain-Lösungen nicht besser vorankommen?

Das hat meiner Meinung nach drei Gründe: Erstens fehlt jungen Unternehmen häufig der Zugang zur erforderlichen Infrastruktur wie beispielsweise einer Mietauto-Flotte, die mit der Blockchain-Technologie ausgestattet werden könnte oder der Zugang zu Stromnetzen, die für den Einsatz bei der Energieversorgung nötig sind. Daraus ergibt sich die zweite Hürde: Weil diese Anwendungsbereiche eng mit der Infrastruktur verbunden sind, unterliegen sie strengen Regulierungen. Der Finanzmarkt und der Strombereich sind hier gute Beispiele. Drittens ist die hinter der Blockchain steckende Technik sehr komplex, das erfordert viel Expertise. Blockchain ist nichts für Anfänger.

Was genau meinen Sie damit?

Ich habe beobachtet, dass in Deutschland vor allem die Blockchain-Startups erfolgreich sind, deren Gründer über ein breites Netzwerk und über langjähriges Branchenwissen verfügen. Das ist allerdings nicht in allen Ländern eine so wichtige Voraussetzung. In Staaten, in denen die Rahmenbedingungen weniger komplex sind oder die Regulierungssituation laxer ist, können junge Hochschulabsolventen einfacher reüssieren.

Können Sie Beispiele nennen?

Die Schweiz geht sehr konstruktiv mit Gründern im Bereich Blockchain um. Dort ist der Markt zwar auch weniger reguliert aber die Entwicklung der Blockchain-Technologie scheint dort fast zum Bereich Standortförderung zu gehören. Des Weiteren setzten Singapur und Dubai auf die Technologie, dort sind viele junge Firmen angesiedelt. Aber auch die Ukraine bietet optimale Rahmenbedingungen. In dem osteuropäischen Staat gibt es eine Vielzahl herausragender IT-ler, die Regulierung ist ebenfalls weniger streng als hier und die Gründer haben es leichter. Ein Wort zur Regulierung: Auch wenn sie das Leben für Gründer etwas schwieriger macht, so sollten wir sie dennoch schätzen. Denn Regulierung verspricht auch Stabilität und Sicherheit – das schätzen wir alle.

In welchen Branchen – neben dem Finanzsektor – sehen Sie weitere Anwendungsfälle für die Blockchain?

Noch recht unerschlossen scheint der Bereich Health Care und der Public Sector. Spannende Anwendungen gibt es bereits in der Energiewirtschaft, beim Internet of Things (IoT), im Mobility-Sektor und im Bereich Industrie 4.0. Doch insbesondere bei den letzteren beiden sind die Anwendungsfälle im Vergleich zur Branchengröße noch rar. Auch „Blockchain-Startups“ sind hier selten.

Können Sie einige Beispiele für konkrete Anwendungsfälle nennen?

In der Mobilitätsbranche kann die Blockchain zur Automatisierung von Carsharing-Prozessen oder beim Wechsel zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln wie dem Auto, Bus und Rad eingesetzt werden. Auch das Leasing von Autos oder Lkws lässt sich gut durch Smart Contracts abbilden. Sowohl die Identifikation des Nutzers als auch die Bezahlung der Fahrzeuge kann über die Blockchain laufen.

An der Frankfurt School starten wir im Sommer außerdem eine Sommer Camp. Auf Grundlage der Ethereum-Plattform sollen konkrete Anwendungen im Bereich IoT mit Potenzial für Gründungsideen entwickelt werden. Denkbar wäre etwa eine Lkw-Mautstation oder eine Ladesäule für Strom.

Wann erwarten Sie den endgültigen Durchbruch der Blockchain-Technologie?

Die Blockchain wird sich nach und nach weiterentwickeln – es wird nicht die eine Killer-Anwendung geben. Vielmehr handelt es sich um eine Basis-Technologie, die künftig in zahlreichen Bereichen genutzt werden wird. Die großen Vorteile der Blockchain: Sie schafft Vertrauen und Transparenz, erlaubt eine hohe Automatsierung und bildet die Grundlage für neue Geschäftsmodelle – gerade Anwendungen in Entwicklungsländer versprechen viel Potenzial.

Wie meinen Sie das? Inwiefern könnten Entwicklungsländer von der Technologie profitieren?

Bislang finden Investoren oftmals kein vertrauenswürdiges Regime vor, keine stabilen Institutionen. Deswegen macht der Einsatz der Blockchain-Technologie in solch einer Umgebung sehr viel Sinn, sowohl für den Transfer von Vermögen als auch für die Abrechnung lokaler Dienstleistungen ohne Mittelsmänner usw.

Die Blockchain-Technologie könnte also mehr private Investoren aus Deutschland und Europa nach Afrika locken?

Genau. Die Blockchain schafft vor Ort eine transparente und vertrauenswürdige Infrastruktur, das kann die Investitionsbereitschaft erhöhen. Ein Beispiel: Wir arbeiten derzeit an einem Prototyp im Bereich der erneuerbaren Energien: In Afrika möchten wir eine Solaranlage, die von einem lokalen Versorger betrieben wird, an die Blockchain anschließen. Dies erlaubt Transparenz bezüglich des Stromverbrauchs und zudem Unterstützung bei Abrechnungsvorgängen. Der Investor – egal ob privat oder öffentlich – hat einen besseren Überblick bezüglich seines Investments. Dies kann Investitionen in Infrastruktur attraktiver machen.

Was empfehlen Sie jungen Startups in diesem Bereich?

Arbeitet stets an eurem eigenen Produkt und entwickelt es weiter! Zwar ist die Zusammenarbeit mit großen etablierten Unternehmen sinnvoll – um an Kapital zu kommen und Zugang zu Infrastruktur zu erlangen. Aber Beratungsmandate auf der einen Seite und Wissenstransfer vom Technologie-Startup hin zum Corporate auf der anderen Seite lenken von der eigenen Produkt- und Technologieentwicklung ab.

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