Startup-Gründerin Lea von Bidder hat analysiert, wie viele Frauen in Schweizer Startups arbeiten. Und stellt Forderungen an die Akteure der Szene.

«Das Bild der Startup-Szene wird beschönigt»

Handelszeitung, 20.4.2017

Als Gründerin aus der Schweiz bin ich ständig mit folgender Frage konfrontiert: Wie fühlt es sich eigentlich an, eine Gründerin zu sein? Die Wahrheit ist, es fühlt sich etwas einsam an. Auf Investoren­events bin ich oft die einzige Frau im Raum. Aber es ist schwer, dieses Gefühl mit offiziellen Statistiken in Einklang zu bringen, wenn ich etwa im Global Startup Monitor lese: «Die Schweiz hat eine ausgewogenes Verhältnis von weiblichen und männlichen Gründern in der Altersgruppe 15–64.» Noch detaillierter zeigt der Bericht, dass 49 Prozent der Firmen von Frauen gestartet werden. Zusammengefasst wird erklärt, dass die Rate von Gründerinnen in der Schweiz bereits gut ist.

Wie konnte ich all diese Frauen auf Investoren­events übersehen? Diese Statistiken stimmen nicht mit meiner Erfahrung überein. Ich bin sogar überzeugt, dass sie ein viel zu beschönigendes Bild der Schweizer Startup-Landschaft zeichnen. Deshalb habe ich mir etwas vorgenommen, das schon lange auf meiner To-do-Liste war, und ­wollte herausfinden, wie gross der Gender-Gap im Schweizer Startup-Ökosystem ist. Ein Spoiler: Er ist gross. Und das sollte euch beunruhigen. In ­jedem Fall finde ich es beunruhigend.

Das Bundesamt für Statistik teilte 2014 mit, dass 36 Prozent der Firmen von Frauen gegründet wurden und 9 Prozent ein Team mit beiden Geschlechtern hatten. Während diese Daten ein sehr positives Bild zeichnen, beschreiben sie alle Firmen, von der Bäckerei nebenan bis zum neusten IT-Startup. Das Gleiche gilt für die Global-Startup-Monitor-Daten.

Unternehmertum hat viele Formen und ich freue mich natürlich, dass Frauen in so vielen ­davon vertreten sind. Aber um den Gender-Gap im Schweizer Startup-Ökosystem zu analysieren, müssen wir speziell auch auf jene Firmen schauen, die den ­Anspruch haben, auf globaler Bühne anerkannt zu werden. Diese sind ­meistens technologiebasiert, müssen Venture-Kapital auftreiben und starke Wachstumszahlen vorweisen.

Ich habe mich dafür entschieden, auf die Daten zu schauen, die wir aus dem Top-100-Startup-Ranking des ­Instituts für Jungunternehmen, der «Handels­zeitung» und dem «PME Magazine» bekommen. Ich habe die Top 50 Startups im Report aus dem Jahr 2016 analysiert.

Nur 9 Prozent oder 11 von 108 Gründern der Top 50 Startups sind Frauen. Es ist klar, dass 9 Prozent niedrig ist. Aber es ist so niedrig, dass es sogar die Top 100 Firmen der Schweiz gut aussehen lässt, die immerhin 16 Prozent Frauen in ihren Aufsichtsräten haben. Zehn von elf Gründerinnen arbeiten in verschiedenen Startups. Nur ein Start­up hat zwei Gründerinnen (Glycemicon). Das ­bedeutet, eines von fünf Schweizer Top 50 Startups hat mindestens eine Gründerin. Vier von fünfzig Firmen, die ich analysiert habe, oder 8 Prozent ­haben einen weiblichen CEO. Interessanterweise sind die Hälfte davon einzelne Gründerinnen, was sich aus der Notwendigkeit, sich selbst zum CEO zu machen, ergibt. Nur 20 Prozent der Firmen mit einem gemischten Gründungsteam haben eine Frau zum CEO ernannt. In diesem Punkt ist die Startup-Szene immerhin den SMI-Firmen voraus, die im Jahr 2016 genau null weibliche CEO hatten. Ja, sie haben richtig gelesen: null.

Die Chance, dass eure Tochter jemals eine Start­up-Gründerin in der Schweiz wird, ist also dramatisch niedriger, als dass euer Sohn ein Start­up gründet. Warum sollte uns das etwas angehen?

Diese Startups sind ein Teil der Schweizer Wirtschaft der Zukunft. Der Gender-Gap der Start­ups von heute ist der Gender-Gap der grossen Firmen von morgen. Wir alle bewundern die Art, wie fortschrittliche Firmen den Status quo disruptieren. Warum tun wir uns aber so schwer damit, alte ­Geschlechterrollen zu disruptieren?

Startups haben wenig Ressourcen, wenig Zeit und tausend Dinge, die gleichzeitig erledigt werden müssen. Das ist der Grund, warum sie meistens in ihrem Umfeld Leute rekrutieren. Es ist ein Fakt, dass Männer meistens männlich dominierte Netzwerke haben – das macht die Rekrutierung von Männern leichter. Ein Gender-Gap im Gründungsteam setzt sich also fort in einem Gender-Gap im ganzen Team. Diese Startup-Angestellten, meistens Männer, gründen oftmals eigene Start­ups und vertiefen damit den Gender-Gap.

Erfolgreiche Gründer sind spätere Investoren. Ein Gender-Gap bei Gründern produziert einen Gender-Gap bei Investoren. Und nachdem Investoren eher Firmen fördern, deren Problemlösung für sie schnell nachvollziehbar ist, werden Firmen, die Ideen nur für Frauen anbieten, von vornherein einen Nachteil haben.

Gender-Gaps, sei es bei Gehältern, Abschlüssen oder in Startups, sind komplex und es gibt keine schnelle Lösung für das Problem. Eine Sache brauchen wir aber für die Lösung: bessere Daten.

Wie kann man etwas reparieren, das man nicht einmal sieht? Wie kann man Zahlen verbessern, die man nie gemessen hat?

Meine erste Forderung richtet sich an all die hilfreichen Organisationen in der Schweiz wie IFJ, Venturelab, Digital Switzerland, Womenways und viele andere. Bitte nehmt Gender-Daten in eure Reports auf. Ihr verfügt über die Daten, die uns dabei helfen können, das Problem an­zugehen und den Status quo zu verbessern. Die Investoren sollten einen Blick in ihr Portfolio werfen und analysieren, wie viele weibliche Gründerinnen sie in diesem Jahr unterstützt ­haben und wie viele vor zehn Jahren. Setzt euch selbst Ziele, wie ihr diese Daten verbessern könnt.

Liebe Gründer, schaut in eure Teams und analysiert den Gender-Gap in eurer Organisation. Ich bin mir völlig darüber im Klaren, dass es schwierig genug ist, Mitarbeiter und Aufsichtsräte zu finden, auch ohne Gender-Ziele. Aber diesen Gender-Gap jetzt nicht zu messen und im Auge zu behalten führt dazu, dass ihr in ein paar Jahren umständlich eure Kultur wieder aufräumen müsst. Auch bei Auszeichnungen für Gründer und Gründerinnen sollte ein kritischer Blick auf Bewerbungsunterlagen und Auszeichnungen in den letzten Jahren geworfen werden. Es braucht keine Gewinnerquote für Frauen, aber zumindest eine ausgeglichene Zahl bei den Bewerbungen.

Ich weiss, dass es Stimmen gibt, die sagen ­werden, lasst uns erst mal über die anderen, ­dringenderen Dinge sprechen, wie regulatorische Probleme und fehlendes Venture-Kapital.

Aber der Gender-Gap im Startup-Ökosystem ist ein Teufelskreis, der nur schwer aufzuhalten ist. Wir brauchen jetzt Aufmerksamkeit für dieses Thema. Wir alle wollen das Gleiche: eine erfolg­reiche Startup-Landschaft in der Schweiz, die die Schweizer Wirtschaft voranbringt. Dieses Thema ist dafür entscheidend.