Was aus den Trümmern der geplatzten Dotcom-Blase entstand, ist heute eine der größten Digitalindustrien der Welt. Deutschland ist digital und dieser Artikel beleuchtet, wie es dazu kam. Start-ups sind keine Nische mehr, die belächelt wird, sondern eine reale, nachhaltige Industrie geworden.
Ich bin Zeitzeuge dieses Aufstiegs. Als Kind zockte ich, entwickelte Spiele und baute Webseiten. Als Student war ich Start-up-Praktikant und heute bin ich Digitalunternehmer und Investor. In der Berliner „Internetszene“ bin ich seit 2009. Ich habe für die Köpfe der ersten Generation gearbeitet und war in zahlreiche erfolgreiche Gründungen involviert.
Dieser Beitrag kreist mir schon lange durch den Kopf. Dafür habe ich mit vielen Akteuren gesprochen, welche schon seit den frühen 2000er-Jahren in der Start-up-Szene unterwegs sind. Nachdem wir inzwischen den 3. IPO einer Berliner Digitalfirma feiern durften, war es so weit, einen Artikel über die Geschichte des deutschen digitalen Ökosystems zu schreiben.
Vorab: Sicherlich lasse ich Dinge aus, aufgrund der Komplexität oder Unwissenheit. Daher schreibe mir einfach jederzeit eine Nachricht mit deinen Kommentaren und Anmerkungen.
Ich gliedere den Aufstieg in 3 Phasen:
Phase 1 von 2001 bis 2007
Phase 2 von 2007 bis 2014
Phase 3 von 2014 bis übermorgen

Phase 1 – Auferstanden aus den Ruinen

Vielleicht können sich einige meiner Leser noch an die Dotcom-Blase von 1999/2000 erinnern. Ich war damals noch in der Schule und erinnere mich an Bilder von Leuten mit schlecht sitzenden Anzügen, teuren Sportautos und Wunderkerzen auf DAX-Torten.
Alle (Erwachsenen) schienen damals zu feiern und dann war die Party plötzlich aus. Meine Jugend war geprägt davon, dass Deutschland als der kranke Mann Europas galt. Leute gingen für Arbeit auf die Straße. Es gab für junge Menschen keine Perspektive, mit der Schule fertig zu werden. Die Stimmung war gedrückt.
Ein Highlight der Blase ist heute für mich der Fakt, dass Alando als Copycat von eBay gekauft wurde und eBay für die Firma 50 Millionen € nach nur 100 Tagen zahlte. Das war 1999. Mit Ideen konnte eine Menge Geld gemacht werden. Gezahlt haben dafür die Anleger und VCs. Als die Blase platzte haben sich viele Leute nachhaltig die Finger an der Branche verbrannt.
Bis heute meiden Privatanleger den Aktienmarkt und VCs haben für ein Jahrzehnt alles vermieden, was „digital + Start-up“ hieß.
Wenige Firmen überlebten diese Zeit und die nennenswerten Helden sind Scout24 (1999), Zanox (2000) und United Internet (2000).
Doch für Gründer waren die 2000er-Jahre hart. Es gab kein Geld von Business Angels. Es gab kein Geld von Venture-Capital-Firmen oder dem Staat. Man kann dies eine Seed Crunch nennen 1. Es gab kein Geld mehr für Ideen und junge Teams.

Trotzdem entstanden weiterhin Firmen in Deutschland, die wir heute als Start-up bezeichnen würden. Unternehmer lassen sich selten unterkriegen und finden immer einen Weg. Je widriger die Umstände, desto härter wird gefiltert.
Namenhafte Firmen dieser Zeit sind Bigpoint (2003), Spreadshirt (2002), Internetstores (2003), trivago (2005), sofort (2005), TeamViewer (2005), DaWanda (2006), mymuesli (2007) und Zalando (2008).
Das Netzwerk war klein. Die Leute kannten sich. Die Veteranen dieser Zeit sind die Keimzellen der heutigen Ökosysteme in Berlin, München und Hamburg.
Aus meiner Sicht waren vier Exits der Wendepunkt, welcher die nächste Phase einleitete.
Zum einen ging Xing (früher OpenBC) 2006 an die Börse.
Dann gab es den Exit von Gate5 (heute Teil von Here) an Nokia in 2006.
Sehr bekannt war der Exit von studiVZ für 85 Millionen € an den Holtzbrinck Verlag, auch im Jahre 2006. Aus meiner Sicht der wichtigste Exit für das Ökosystem in dieser Phase2.
Brands4friends wurde 2007 gegründet und 2010 für 150 Millionen € von eBay gekauft.
All diese Exits waren entscheidend, denn sie spielten Kapital zurück in das Ökosystem.
Jetzt gab es wieder Unternehmer, die sich als Business Angels beteiligen konnten und damit Phase zwei einleiteten.
In der folgenden Grafik habe ich meine Sicht der Entwicklung nach (und vor) studiVZ dargestellt. Aufgrund der Komplexität fehlen zahlreiche Firmen und Namen3. Gerne trage ich diese nach und baue die Grafik weiter aus.
Deutsche Berliner Startup Digital Industrie

Phase 2 – eine digitale Industrie entsteht

Für mich bezeichnet die zweite Phase das Jahr 2007 (Gründung von Rocket Internet) bis 2014 (Börsengang von Zalando).
Die Exits von studiVZ, Jamba, Gate5 und anderen Firmen waren enorm wichtig. Zum einen gab es einen Proof of Concept, sodass mit deutschen Start-ups wieder Geld verdient werden konnte. Zum anderen haben fast alle Unternehmer ihr Geld wieder reinvestiert.

Die Samwers – die aggressivste Familie im Internet
Die Brüder Samwer (insbesondere Oli) hatten vormals Alando und Jamba gegründet und verkauft. An studiVZ waren sie ebenso beteiligt. Parallel gründeten sie den European Founders Fund, welcher mittelmäßig lief. 2007 wurde dann Rocket Internet gegründet. Eine Firma, die inzwischen internationale Bedeutung hat und 2014 ebenso an die Börse ging.
Die Samwers sind ein wichtiger Treiber als Unternehmer und Investor für das deutsche Ökosystem gewesen. Nicht nur internationalisierte Rocket viele seiner Firmen, sondern bildete dazu auch eine Generation von Ex-Beratern zu digitalen Intrapreneurs aus.

Ich weiß daher den Beitrag zu schätzen, den die Familie Samwer für unsere Wirtschaft beigetragen hat.
Ebenso erinnere ich mich an die Copycat-Debatte der frühen 2010er-Jahre. Damals schämten sich viele in Berlin für Rocket Internet, weil dieses Unternehmen leidenschaftslos erfolgreiche Geschäftsmodelle aus den USA erst in Deutschland und dann weltweit ausrollte. Nun, der Erfolg spricht heute für Rocket und nicht für die damals gehypten Firmen wie Amen und Gidsy.

Lukasz Gadowski – der Pate Berlins
Ein weiterer wichtiger Akteur wurde Lukasz Gadowski. Als Student gründete er Spreadshirt. Anschließend war er maßgeblich bei studiVZ involviert. Zusammen mit Klaus Hommels und Oliver Jung gründete er brands4friends4.
Daraus lernend, entstand mit Team Europe5 ein weiterer entscheidender Company Builder in Berlin. Team Europe war verantwortlich für rund ein Dutzend erfolgreiche Firmen, zum Beispiel Delivery Hero (Börsengang 2017). Gleichzeitig legte Lukasz großen Wert darauf, das Ökosystem aktiv zu fördern mit der Gründung von www.gruenderszene.de (Vertical Media) und dem VC-Spin-off Point Nine Capital.
Dazu war Lukasz lange als Business Angel aktiv und hatte hunderte Beteiligungen, darunter mymuesli, DaWanda und trivago.

Christophe F. Maire – Spürnase für Innovation
Christophe Maire profitierte vom Gate5 Exit an Nokia. Als Business Angel war er anschließend bei studiVZ und brands4friends beteiligt. Bis heute hat er ein exzellentes Händchen für innovative Firmen. Zu seinem Portfolio zählen EyeEm, SoundCloud, Clue und plista.
Gestärkt aus dem studiVZ-Verkauf ging auch Michael Brehm hervor, welcher heute mit Rebate Networks einen Company Builder betreibt und mit Redstone eine VC-Agentur für Firmen.
Aus meiner Sicht sind diese Personen der Nukleus der jungen Berliner Digitalindustrie. Von dort an ging es bergauf6.
TOA und andere Konferenzen kamen nach Berlin.
Earlybird zog 2011 nach Berlin um und Point Nine Capital7 wurde gegründet.
Company Builder und Inkubatoren schossen aus dem Boden zu einer Zeit, als E-Commerce, Marktplätze und Lead Generation boomten.
Eine Seed-Finanzierung 8 in den 2010er-Jahren zu bekommen, war nicht mehr schwer. Stattdessen hatten wir eine Series-A Crunch9. Für Folgefinanzierungen ab 2 Millionen € musste man vorwiegend auf ausländische Kapitalgeber zurückgreifen. Rocket arbeitete viel mit Kinnevik (Schweden). Wir bei Team Europe arbeiteten viel mit osteuropäischen VCs zusammen, welche vom reiferen deutschen Ökosystem profitierten.
Ebenso erinnere ich mich noch an die Zeit, als wir Berlin als tollen Ort für Start-ups pitchen mussten. Das war 2010 nicht so selbstverständlich wie heute.

Für mich sind diese Jahre geprägt von der Etablierung des Berliner Ökosystems. Alles war noch persönlicher und vertrauter als heute. Jeder kannte jeden und man arbeitete viel zusammen. Berlin legte damals vor, was später von anderen Städten wie Hamburg und München aufgegriffen wurde.
Nennenswerte Firmen dieser Zeit sind: kaufDA, Sofatutor, Wooga, mytaxi, CityDeal, Westwing, Wimdu, ResearchGate, 6Wunderkinder, Home24, Lieferheld, Delivery Hero und Kreditech.
Mit den drei IPOs von Zalando, Rocket und Delivery Hero konnte man es nur nicht mehr „Internetszene“ nennen. Ich nenne es seitdem „Internetindustrie“.

Phase 3 – Akzeptanz und Wachstum

Inzwischen ist den meisten bekannt, dass Berlin einer der größten Digital Hubs in Europa ist, was Finanzierung, Anzahl Firmen und Beliebtheit angeht.
Auch ist das Ökosystem reifer geworden und es werden inzwischen Deep-Tech-Themen wie Künstliche Intelligenz, Robotik und Blockchain in Berlin entwickelt.
Gleichzeitig sind überall in Deutschland weitere Hubs entstanden wie in Hamburg, Frankfurt, dem Rheinland und München.
Selbst wenn unsere politischen Interessensvertreter das Internet noch als Neuland betrachten, haben wir inzwischen eine stärkere und reifere Digitalindustrie als noch vor 10 Jahren.
Es wird mehr Kapital in deutsche Digitalfirmen gesteckt denn je, alleine 2,1 Mrd. € in den letzten 6 Monaten.
Es gibt zahlreiche neue VCs wie Cherry, Fly, Asgard oder BlueYard. Eine Seed- und Series-A Crunch gibt es schon lange nicht mehr. Derzeit ist es eher schwieriger, im Bereich der Series-B Geld10 für Wachstum zu besorgen.
Ebenfalls hat die etablierte Wirtschaft die Digitalisierung für sich entdeckt. Ich kenne noch die Zeit, als Studenten Unternehmensberater werden wollten. Heute wollen die Berater lieber gründen. Start-ups sind definitiv beliebter geworden und werden nicht mehr herablassend belächelt.
Mittlerweile gibt es zahlreiche Ansätze, wie sich Konzerne einbringen. Einige haben begriffen, dass man dem Internet nicht den Stecker ziehen kann. Dazu kommt der Respekt, dass die GAFA (Google/Alphabet, Amazon, Facebook, Apple) nach und nach die angeblich sichere Wertschöpfungskette frisst.
Die Ansätze sind unterschiedlich. Einige nehmen Kapital in die Hand mit sogenannten Corporate VCs: Holtzbrinck, Tengelmann, Burda, Bertelsmann, Bosch, Siemens, Otto, Vorwerk oder BMW.
Andere entscheiden sich für Kapital schonendere Programme und gründen Acceleratoren: Axel Springer, Deutsche Bahn, E.ON, Merck, ProSieben, MediaMarkt, Metro, Telekom – um einige zu nennen.
Dazu zeigen auch internationale Konzerne vermehrt Präsenz und haben Büros oder Forschungslabore in Deutschland: IBM (München), Amazon (Berlin) oder Google (Berlin).

Die visionären Konzerne sind sogar dazu übergegangen, sich ein Portfolio an Digitalfirmen zusammenzukaufen. Axel Springer verdient bereits mehr Geld mit Beteiligungen als mit dem Zeitungsgeschäft. ProSiebenSat.1 ist als Investor und Käufer vorbildlich unterwegs.
Des Weiteren entstehen immer mehr Initiativen und Hubs quer durch die föderale Republik. Es gibt ein Cyber Valley in Baden-Württemberg. Das ländliche Ostwestfalen hat die Founders Foundation. Es gibt Förderprogramme von Dresden, Karlsruhe, Mannheim, Darmstadt bis hoch nach Kiel.
Universitäten fördern vermehrt interne Inkubatoren und Gründerzentren – ich finde das super.
Und auch die Welle der generalistischen Company Builder ist vorbei. Heute dominieren spezialisierte Company Builder wie zum Beispiel die von Jan Beckers mit HitFox (Werbung), FinLeap (Finanzen) und Heartbeat Labs (Gesundheit).

Wie geht es nun weiter?
Aus meiner Sicht sind wir erst am Anfang der Phase drei. Konzerne und Start-ups beschnuppern sich weiterhin und machen vereinzelt Geschäfte. Die Digitalisierung hat es inzwischen auch auf die Agenda des Bundestagswahlkampfes geschafft.
Doch wirklich sind die Old Economy und New Economy noch nicht verschmolzen. Viele ältere Firmen denken noch zu analog. Sie verkaufen Hardware statt Lösungen. Gleichzeitig scheuen sich die meisten Gründerfirmen in Märkten zu starten, in denen sie sich die Hände dreckig machen könnten.
Das Herz Deutschlands ist unser Mittelstand. Dieser baut erfolgreich Maschinen für die ganze Welt. Wir sind das Land der Ingenieure. Deutschland könnte eine goldene Epoche erleben, wenn unsere Ingenieure mit unseren Entwicklern zusammenarbeiten würden (Hardware ist das trojanische Pferd für Software).
Wir haben das Potenzial. Wir haben ausreichend Unternehmertum im Blut. Wir haben super Universitäten und starke Forschungszentren wie das DFKI, das Fraunhofer– und Max-Planck-Institut.
Wertschöpfungsketten lösen sich immer mehr auf. Start-ups sollten als Zulieferer für Produkte gesehen werden. Konzerne sollten junge Teams kaufen für frisches Blut. Unternehmen sollten sich an Firmen beteiligen, um Entwicklungszeit zu sparen und für neue Innovationen. Es muss einfach noch mehr investiert und kooperiert werden.
Je älter das digitale deutsche Ökosystem wird, desto mehr Veteranen wechseln die Seite und fördern den Kulturwandel in deutschen Konzernen. Das ist enorm wichtig und passiert bereits.
Ich hoffe, in den nächsten 5 Jahren eine Digital-first-Firma im DAX zu sehen11.
Ich plädiere für mehr M&A von Old- in die New Economy.
Nicht jede Firma muss ein Unicorn werden. Wir brauchen dafür mehr digitalen Mittelstand. Und gleichzeitig braucht unser Mittelstand Hilfe bei der Digitalisierung.
Nicht jede Firma braucht einen Exit. Manchmal ist es auch super, einfach Geld zu verdienen und organisch zu wachsen. Nehmt euch ein Beispiel an mymuesli.

Ebenso sehe ich, dass unser europäisches Ökosystem zusammenwachsen muss. Wenn wir uns gegenüber den USA und China behaupten wollen, geht dies nur mit mehr europäischer Zusammenarbeit.
Ich bin optimistisch. Wir stehen erst am Anfang. Wir haben noch eine großartige Zeit vor uns mit viel Arbeit, Diskussionen, Risiken und Erfolgen.

 

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